Ein Versuch darüber, was Fussball, Positive Psychologie und das Kudos-System am Talent-Campus Winterthur verbindet – oder oft eben noch nicht. Und auch ein kleiner Essay, wieso wir alle ein wenig wie Cesc Fàbregas, der aktuell wohl spannendste Neo-Fussballcoach, sein sollten.
In Hinwil narrt ein herrlich aprilwetteriger Mittwochnachmittag rund 250 Lehrpersonen, Schulleitungen und Verwaltungspersonen im Rahmen einer Kick-off-Veranstaltung zum Thema «Positive Psychologie». Zusammen mit vier Lernpartner:innen dürfen wir hier seit halb zehn Uhr morgens den Talent-Campus Winterthur vorstellen – insbesondere unser jüngstes Projekt, das ich das Kudos-Prinzip nenne.
Der Tag verläuft gut. Sehr gut sogar. Wir ernten für unser «Querdenken» – wie unsere pädagogische Herangehensweise immer wieder wohlwollend bezeichnet wird – vor allem Lob. Viele fühlen sich inspiriert, wollen Teile unserer Ideen im eigenen Schulzimmer ausprobieren. Zwei Lehrpersonen vereinbaren Schnuppertermine für ihre Kinder bei uns am TCW, drei weitere bewerben sich spontan als mögliche zukünftige Mitarbeitende.
Und dann ist da dieser eine Besucher. Drei Minuten vor dem Workshopende feuert er jenen Satz ab, den man erst über Tage hinweg wieder aus dem eigenen Körper herausarbeiten muss: «Ich lobe bewusst nie. Ich finde das falsch und doof.»
Boom!
Eine frontale Faust in meinen pädagogischen Solarplexus – und auch in jenen der vier Lernpartner:innen, die für ein ganz anderes Mindset einstehen. In mir meldet sich mein Alter Ego Roy Keane, Manchester-United-Legende und wohl härtester Mittelfeldspieler, den die Premier League je gesehen hat. Und wären wir jetzt auf dem Fussballplatz, würde ich vermutlich zu einer seiner legendären Blutgrätschen ansetzen.
Das 3:1- und das 5:1-Prinzip
Zum Glück habe ich am Morgen beim Eröffnungsreferat gut zugehört. Ein Referent skizzierte die wissenschaftlichen Grundlagen der Positiven Psychologie. Mein Trigger, meine innere Reaktion, ist also wissenschaftlich haltbar: Kritische Bemerkungen müssen gemäss Positiver Psychologie mit drei positiven Inputs ausgeglichen werden.
Noch anspruchsvoller wird es in tragfähigen Beziehungen. Die im Vortrag zitierte Gottman-Konstante besagt, dass in tragfähigen Beziehungen negative Interaktionen mit fünf positiven Inputs kompensiert werden müssen. Die Wissenschaft macht uns also zu 3:1-Positivist:innen und 5:1-Beziehungsmenschen. Das ist ambitioniert. Ehrgeizig. Und für viele von uns lange terra incognita.
Gerade im Schulumfeld bringen die meisten von uns eine Sozialisierung mit, die eher negativ behaftet bei vielleicht 1:50 liegt – denn verstärkt werden die Fehler, Konflikte, Herausforderungen. Angepasstes oder «gutes» Verhalten wird im Schulzimmer schlicht erwartet und bleibt oft unkommentiert.
Pädagogik ist – negativ formuliert – eine unscharfe Disziplin, fachlich gesprochen eine normativ-praktische Wissenschaft. Und genau darin, so meine Überzeugung, ähnelt sie dem Fussball. Oder um das 3:1-Prinzip gleich selbst anzuwenden: Sowohl in der Bildungslandschaft wie auch im Fussballbusiness können problemlos unterschiedliche aber durchaus funktionierende Systeme, Menschenbilder und Entwicklungsideale parallel existieren.
Wenn Druck und Disziplin verpuffen
Weil wir als Lernbegleiter:innen, Coaches, Lernhausleiter:innen oder zumindest pädagogisch interessierte SBW-Mitarbeitende dem Thema Schule wohl kaum mit ausreichend Distanz begegnen, erlaube ich mir eine Analogie aus dem Fussball.
Startrainer wie José Mourinho, Sir Alex Ferguson oder Antonio Conte haben mit sehr unterschiedlichen Wegen fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Und doch verkörpern sie – jeder auf seine Weise – das personifizierte Gegenteil einer trainergewordenen Positiven Psychologie.
Fergusons Erfolg beruhte auf einem beinahe militärischen System. Sein Spitzname «Hairdryer» kam nicht von ungefähr – seine Pausenansprachen föhnten selbst gestandenen Weltstars die gelierte Frisur nach hinten. Mourinhos patriarchischer Führungsstil bringt raschen, grossen Erfolg, endet jedoch bei fast all seinen Vereinsstationen spätestens in der dritten Saison in einer Entlassung – oft mit verbrannter Erde. Und Antonio Conte? Italiens grosser Mittelfeld-Regista Andrea Pirlo nannte ihn einst einen «Vampir». Sein robotoider Struktur-Fussball ist kurzfristig erfolgreich, laugt die Spieler aus und hinterlässt nicht selten menschliche Trümmerfelder.
Doch Positive Psychologie existiert auch im Fussball. Pep Guardiola etwa – der Godfather vieler heutiger Toptrainer – verbindet minutiöse Muster, Wiederholungen und Fraktal-Fussball mit konsequenter positiver Verstärkung. Fast noch spannender ist einer seiner früheren Lieblingsspieler: Cesc Fàbregas, der aktuell mit einem Bruchteil des Budgets italienischer Grossklubs den vierten Platz in der Serie A belegt.
Ein Ted Lasso ohne sozialen Klebstoff
Ein ehemaliger Lernbegleiter bezeichnete mich einmal als Ted Lasso, eigentlich ein Basketball-Trainer, der sich in der Premier-League als Fussballtrainer versuchte. Eine frühere Mitarbeitende schenkte mir sogar eine Ted-Lasso-Karte, die seither meinen Arbeitsplatz ziert. Das Credo dieser fiktiven Serienfigur: Believe. Ein so romantischer wie naiver Ansatz, dem ich auch immer wieder verfalle.
Als ich vor knapp drei Jahren am Talent-Campus Winterthur startete, fand ich ein starkes Team vor – engagiert, kompetent, aber wenig mit sich selbst verbunden. Ähnlich ging es vielen unserer Lernpartner:innen: privilegiert in der Verbindung von Talent und Schule, aber ohne gemeinsames Wir-Gefühl. Es fehlte etwas. Vielleicht die gemeinsame Kultur. Vielleicht der Klebstoff, der Menschen verbindet. Vertrauen. Leichtigkeit. Eine gemeinsame Vision. Fast so, als würden Verteidigung, Mittelfeld und Sturm jeweils für sich allein spielen.
Ich wusste lange nicht, wie ich diesen Ort magnetisieren sollte. Aber ich wusste relativ rasch, wohin die Reise gehen musste. Eine Praktikantin schrieb mir zum Abschied: «Ich habe immer bewundert, wie positiv du an jedem einzelnen Tag geblieben bist und uns das vorgelebt hast.» Wow!
Wir vereinfachten die Schulordnung, führten Kindness-Konferenzen als Entwicklungsräume ein, entwickelten zusammen mit den Lernpartner:innen einen Kodex, etablierten die Graduierung – gegen Widerstände und Ängste – und arbeiteten konsequent am Community-Gefühl unserer heute 127 Lernpartner:innen. Und dann, auf einer Radtour, kam mir eine ebenso naheliegende wie verwegene Idee: Warum nicht das Kudos-Prinzip der Strava-Sportler:innen-Community in unser Lernhaus übertragen?
Das Kudos-Prinzip am TCW
Anders als bei der Sportapp ist das Kudos-System am Talent-Campus Winterthur Ausdruck einer Haltung. Kudos bedeutet Anerkennung, Wertschätzung. Genau darum geht es: positives Verhalten sichtbar zu machen – konsequent und über längere Zeit. Auf der Strava-App erscheinen orange Daumen, mit welchen dir deinen Community Lob zusprechen.
Ein Kudo steht bei uns am TCW für ein bewusst wahrgenommenes Verhalten, das zur Gemeinschaft beiträgt. Nicht Leistung oder Talent stehen im Zentrum, sondern Haltung, Verantwortung und der Umgang miteinander. Auch Wiedergutmachung zählt – Fehler dürfen gemacht, aber nicht ignoriert werden. Vier gleichwertige Formen von Engagement sorgen für Fairness: soziale Beiträge, persönlicher Einsatz, verantwortungsvolles Handeln und bewusste Wiedergutmachung. So haben alle Jugendlichen reale Chancen, Kudos zu sammeln – unabhängig von Noten, Herkunft oder Persönlichkeit.
Das System wirkt, weil es Selbstwirksamkeit ermöglicht. Empowerment wäre vielleicht ein noch treffenderer SBW-Begriff. Jugendliche erleben: Mein Handeln macht einen Unterschied. Engagement wird wahrgenommen, dokumentiert und ernst genommen. «Ich werde gesehen!» Über eine App ist der eigene Kudos-Stand für unsere Lernpartner:innen jederzeit sichtbar und auch die Eltern werden wöchentlich informiert. Auf dieser Kudos-Basis – ähnlich wie das Spice in der Dune-Welt - baut die Graduierung auf. Alle starten gleich, niemand steigt automatisch auf. Entwicklung braucht Zeit, Reflexion und eine gemeinsame Einschätzung durch mehrere Erwachsene. Nicht Status zählt, sondern Vertrauen. Eingeführt haben wir die Idee erstmals im Rahmen einer Kindness-Konferenz im Oktober 2025. Danach haben wir das Konzept auf der Basis der Jugendlichen verfeinert. Im Januar 2026 folgte ein Pilotmonat. Seit dem Februar hat das «Spiel» begonnen – mit erstaunlich wenig Problemen, aber mehr Dynamik im Lernhaus als je zuvor.
Das Cesc-Fàbregas-Prinzip
Mein Kopf hat in der Kudos-Geschichte noch keinen inneren Frieden gefunden. «Warum weiten wir die Kudos Idee nicht auch auf uns Lernbegleiter:innen und alle Mitarbeiter:innnen aus?», köchelt es bereits im Keller meines nimmermüden Hirns. (mit meinem Lernhaus Co-Leiter mache ich dies übrigens bereits ab und an) So oder so: bei der weiteren Kudos-Reise am TCW wäre ich gerne so etwas wie Cesc Fàbregas beim FC Como. Er, der bei Barcelona, Arsenal und dem FC Chelsea einer der erfolgreichsten Mittelfeldspieler seiner Generation war, war immer schon mehr als ein brillanter Fussballer. Er war einer jener raren Spieler, der seine Mitspieler besser machte. Beim FC Chelsea skandierten die Fans: «Fabregas is magic, he wears a magic hat …», ein Fan-Chant, der seine Spielintelligenz, seine Weitsicht und seine Pässe feierte.
Was mir besonders an ihm gefällt und warum er meiner Meinung nach ein perfekter Botschafter unserer SBW wäre, ist sein Mut, als Querdenker in der Fussballlandschaft zu stehen. In Italien gilt er als Sonderling, als einer, der die Abwehrmauern und die defensiven Doppelriegel der italienischen Spielkunst verraten hat. Er selbst sagt, dass er ein Spiel lieber fair und mit Schönheit verliere, als hässlich mit roboterhaftem Fussball zu gewinnen.
Und er ist einer, der sein blutjunges Team umarmt, mit ihm feiert, den Status des Fussballprofessors mit jenem des Peer-Learners eintauscht. Fast schon ein Prophet der Positiven Psychologie. Deshalb wäre ich gerne wie Cesc Fàbregas.